Paardynamik trifft Spiritualität

Das Jahr 2020 wird bei allen von uns in Erinnerung bleiben. Was für ein Lehrjahr um Glaubenssätze zu überprüfen, Beziehungen auf dem Prüfstand zu erleben und demütig Widerstände aufzugeben. Aber auch ein Jahr in dem wir spüren und erleben durften, wie wichtig gute Freunde, Nähe und Berührung sind! Durch die angeordnete oder selbstauferlegte Distanzierung und Beschränkung des Bewegungsradius, wurden wir auf uns selbst, unsere engsten Beziehungen zurückgeworfen und dies löste vielmals Dynamiken aus, die in ihrer Heftigkeit überraschten. Dynamiken in einer Partnerschaft (von Liebesbeziehungen über Freundschaften bis hin zu Arbeitsbeziehungen) sind durchaus wünschenswert, da sie einer Beziehung Lebendigkeit schenken. Doch was ist das richtige Maß? Wo wird es destruktiv, trennend, vergiftend und wo sind die Chancen zur Entwicklung? 

 

Um was geht es hier eigentlich?

Alles schon selbst erlebt: Wie schnell kann ein Wortwechsel, der in Emotionalität geführt wird oder manchmal auch nur aus einer gedankenlosen Wortwahl heraus, in ein Drama eskalieren! Ein Wort ergibt das andere und du gehst in einen Widerstand und dann in einen Kampfmodus. Dieser Kampfmodus kann so heftig sein, dass du ihn führst, als wenn es um dein Überleben geht! Geht es in diesem Moment wirklich noch um die momentane Situation zwischen dir und deinem Partner/deiner Partnerin oder spielt sich da etwas auf einer ganz anderen Ebene, völlig unbewusst ab? Wenn es uns gelingt, einen Schritt zurückzutreten und möglichst objektiv zu durchleuchten, was da mit uns passiert, kommen wir der Sache auf den Grund.

 

Unsere Vergangenheit hat einen größeren Einfluss als uns lieb ist!

Wir werden feststellen, dass die Situation einer nahen Partnerschaft das ideale Trainingsfeld ist, um Prägungen und Muster die allgemein unser Leben beeinflussen, besonders intensiv zum Ausdruck zu bringen und dessen Wirkung zu erleben. Wenn wir uns in einer dieser schwierigen, nervenaufreibenden Situationen in unserem Leben befinden, fühlt sich alles so echt, so real, so ernst an. Wenn wir hinter die Fassaden blicken, ist es nahezu erschreckend, wie wir von unserer Vergangenheit fremdgesteuert werden und wie selten wir tatsächlich im Jetzt handeln.

 

Entstehungswege des Ego

Begeben wir uns zum besseren Verständnis auf eine kleine Exkursion in unsere Entwicklung zu dem Mensch, der wir heute sind: Bereits im embryonalen Zustand über das Kleinkindalter zum Jugendlichen, machen wir jeden Moment Erfahrungen, die Spuren hinterlassen. Wir entwickeln Strategien die unser Überleben sichern, uns Zuneigung und Liebe verschaffen, uns schützen und schwierige Situationen umgehen lassen. Diese Erfahrungen prägen sich ein und bleiben uns als Glaubenssätze und Verhaltensmuster erhalten. Wir wissen dann wie die Welt funktioniert und handeln dann aufgrund unserer Erfahrungen und wie unsere Prägungen in der Vergangenheit funktioniert haben. Diese Handlungsweise und Entwicklung erlebt jeder Mensch auf der Erde und er bildet sich damit sein Bild vom Leben und wie alles funktioniert, wie die Welt geschaffen ist. Nur das jeder einzelne Mensch völlig unterschiedliche Erfahrungen und damit Prägungen und Glaubenssätze entwickelt. Das heißt 7,7 Milliarden Menschen wissen ganz genau wie die Welt funktioniert und wie alles zu laufen hat. Mit dem einzigen Denkfehler, dass es nur ihre eigene kleine Welt ist, die sie kennen und es noch viele Welten gibt, die völlig unterschiedlich aussehen können!

 

In dieser Entwicklung, geprägt durch die Konditionierungen unserer Umwelt, entwickeln wir bereits als Kind ein falsches Selbstbild - ein Ego. Die Eltern nennen dich „Moritz“ und so glaubt du, du bist „Moritz“. Dabei hätte der Name auch Max, Peter oder Hans sein können. Der Name an sich ist schon Fiktion und trotzdem verfestigt sich diese Verbindung immer mehr. Auch sagen zum Beispiel die Eltern: „Du kannst das gut und das nicht so gut, du bist technisch begabt und sprachlich untalentiert, du bist soundso und soundso.“ Das Kind nimmt diese Eindrücke auf und bastelt sich daraus eine falsche Vorstellung von sich selbst. Diese Konditionierungen und Einflüsse gehen natürlich auch über das Kindesalter hinaus immer weiter. Jeden Tag aufs Neue lebt man dieses falsche Selbst. Man baut sich dadurch über die Zeit seine eigene Geschichte auf und du bewegst dich und handelst mehr oder weniger stets in dieser fiktiven Komfortzone. Du – oder vielmehr dein Ego – fühlt sich dann angegriffen, wenn jemand durch deine Schale, die du um dich herum entworfen hast, durchdringen will oder deine Geschichte anzweifelt.

 

Wenn die Beziehung vom Drama lebt

Nun sind da zwei Menschen, die mit ihrem Ego und ihren unterschiedlichen Prägungen und Glaubenssätzen in Beziehung sind. Diese prallen aufeinander, wenn der Stresspegel innen und/oder außen höher wird. Jeder will Recht haben, fühlt sich angegriffen und missverstanden. Da sind zwei Lebensgeschichten, die aneinander geraten und die Reaktionen haben meist nur sehr wenig mit der momentanen Situation zu tun.

So ein Drama kann sehr viel Energie kosten und wenn du dich ausgetobt hast und erschöpft bist, kannst du dich vielleicht gar nicht mehr richtig oder erst nach langem Nachdenken erinnern, was eigentlich der Auslöser war! Viele Menschen sind regelrecht süchtig nach solchen dramatischen Erlebnissen, weil sie auch eine Art Lebendigkeit sind. Aber solche Situationen hinterlassen verbrannte Erde und können, wenn sie regelmäßig auftreten, eine Partnerschaft vergiften.

 

Bewusste Ausstiegswege

Was sind Wege, um aus solchen Konflikten früher auszusteigen oder weniger eskalieren zu lassen? 

Es hilft, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass die aktuelle Situation nur der Auslöser für ein Schema ist, nach dem wir uns angewöhnt haben, zu reagieren – alle Beteiligten. Es gilt anzuerkennen, dass wir Schutzstrategien haben und ein Ego, das beachtet und genährt werden will. Das Ego nährt sich vom Separieren und der Trennung, von dem Gefühl, dass ich einzigartig bin. Da bin Ich und der Rest der Welt. 

 

Um in der aktuellen Konfliktsituation dieses Bewusstsein zu aktivieren, braucht es als Soforthilfe einen Schritt zurück. Je früher desto grösser ist die Chance, dass du den Film stoppen kannst. Konkret heißt das: Raum schaffen, Bewegung, Durchatmen, sich auf sich selber beziehen und gleichzeitig auch klar abzumachen, sich wieder zu treffen. Eine einfache und gleichzeitig sehr wirkungsvolle Methode, die wir auch in unseren Seminaren immer wieder vermitteln, ist den Körper zu schütteln. Das ist eine Technik, die auch Säugetiere ganz instinktiv anwenden, um Stress zu reduzieren. Es ist vor allem hilfreich, wenn es nicht möglich ist, ins Freie zu gehen. Es bringt dich vom Kopf wieder in dein Körperbewusstsein und somit wieder mehr ins Jetzt und gleichzeitig bekommen deine Emotionen einen Ausdruck. Zieh dich in einen Raum zurück, es kann auch im Notfall die Toilette sein, und schüttle deinen ganzen Körper mindestens 5 – 10 Minuten lang durch. Wenn es dich unterstützt und möglich ist, höre entsprechende Musik dazu. Lass deine Gelenke locker, öffne deinen Kiefer, erlaube dir Töne, experimentiere mit unterschiedlichen Intensitäten und erlaube deinem Körper sich von innen heraus durchzuschütteln. Am Schluss spürst du nach und du wirst vielleicht mit Erstaunen feststellen, welche reinigende und beruhigende Wirkung diese einfache Übung hat. 

 

Die Situation im Außen hat sich nicht geändert, aber du kannst mehr aus dem Jetzt heraus, deine eigenen Reaktionsmuster erkennen und möglicherweise auch besser wahrnehmen, das dein Gegenüber genauso wir du, in seiner eigenen Geschichte gelandet ist. Meistens ist einer der Partner mehr in Rage als der andere und kann weniger rasch aussteigen. Vielleicht bringt es ihn sogar noch mehr ins Drama, wenn du nicht einsteigst oder aussteigst und er/sie fühlt sich nicht ernst genommen. Da gilt es bei dir zu bleiben und vielleicht einfach auch mal klar Stopp zu sagen.

 

Wenn beide in einer entspannten Phase, ihre Schutzmechanismen erkennen können und das Commitment zur Selbstregulierung genügend stark ist, kann auch ein gegenseitig vereinbartes Codewort hilfreich sein. Sobald der Film beim einen oder anderen anfängt zu laufen, erinnert das Aussprechen des Codewortes daran, welche Mechanismen im Gange sind. Wenn ich zum Beispiel in meinen Widerstandmodus komme und Barbara mein Codewort ausspricht, ermöglicht mir dies auszusteigen, bevor ich in den Kampfmodus wechsle und kein Codewort mehr wirkt. 

 

Auch wenn es sich fast banal anhört, das Bewusstsein für diese Strategien zu entwickeln und dafür immer und immer wieder Selbstverantwortung zu übernehmen, empfinde ich als das 1x1 in einer Beziehung. Dabei meine ich Liebesbeziehungen genauso wie nahe Freundschaften oder Arbeitsbeziehungen, die auch und gerade in der aktuellen Situation von allgemein erhöhtem Stresslevel, von diesen Dynamiken betroffen sein können. 

 

Wie kommen wir wieder in Verbindung?

Nach einer solchen Konfliktsituation befinde ich mich oft in einem erschöpften Zustand und es ist schwierig, wieder den Kontakt mit meiner Partnerin herzustellen - emotional und körperlich. Meist sucht meine Partnerin die Nähe und ich brauche noch weiter meinen Raum, um zu verdauen und wieder aufzutauchen. Wir haben unsere Wege gefunden, um möglichst für beide unverfänglich wieder schrittweise in Kontakt zu kommen. Manchmal gelingt es, manchmal drehen wir eine weitere Runde. Jedes Paar wird hier seinen eigenen Weg gemeinsam finden müssen. 

 

Die schnelle und lustvolle Variante der Annäherung ist der allseits gerühmte Versöhnungssex. Genauso intensiv und brennend wie das Drama selbst. Für diejenigen die sich nur langsam wieder annähern können, sollte in der Annäherung nicht zu viel Druck aufgebaut und eine Geschwindigkeit gewählt werden, die für Beide annehmbar ist. Es kann ein Weg sein, entspannte Aktivitäten und Hobbys bewusst miteinander zu pflegen, damit das verbindende der Partnerschaft wieder spürbar wird. Vielleicht ist es auch eine Lösung, mehr Eigenräume in der Beziehung zu schaffen und gleichzeitig bewusste Paarzeit zu gestalten. Eine bewusste Insel und Inspiration kann der Rahmen eines Paarseminars, wie wir es anbieten sein, um eine entspannte, körperliche Verbindung über achtsame Massage und Slow Sex zu pflegen und zu stärken. Gerade in Zeiten wie diesen, die viel fordern und unser Stresslevel erhöht ist, sind Verlangsamung, Selbstverantwortung und Entspannung wichtige Wege. 

 

Konkret gelebte Spiritualität heißt für mich, immer mehr aus diesem Kreislauf von Ego, Strategien und Glaubensätzen auszusteigen und mich für mein eigenes Licht und das Licht unserer Beziehungen zu entscheiden! 

 

dieter@lebendigkeit.ch

Kommentar schreiben

Kommentare: 7
  • #1

    Yolanda (Samstag, 19 Dezember 2020 16:47)

    Wunderbar beschrieben !
    Auf den Punkt gebracht auf eine leichte, verständliche Ausdrucksweise.���

  • #2

    Paola (Samstag, 19 Dezember 2020 18:47)

    Ich bin berührt von deinem Blog und deiner Klarheit. Wir haben im Laufe unserer Beziehung erkannt, dass einander viel Raum geben nicht nur eine Hilfe im Notfall ist sondern eine wichtige Präventionsmassnahme gegen akute Crash ist.

  • #3

    Nadia (Sonntag, 20 Dezember 2020 13:26)

    Wie mutig, diese Dinge hier preiszugeben. Und inspirierend. Berührt mich sehr.

  • #4

    Dieter (Dienstag, 22 Dezember 2020 12:12)

    @Yolanda: Liebe Yolanda, danke dass du meinen Blog gelesen hast und Feedback gibst. Ein schwieriges Thema, wunderbar beschrieben! ;o))

  • #5

    Dieter (Dienstag, 22 Dezember 2020 12:18)

    @Paola: Wie recht du hast....und ich weiß dass ihr das lebt und bereits Meister darin seit!

  • #6

    Dieter (Dienstag, 22 Dezember 2020 12:22)

    @Nadja: Danke Nadja, wir denken wenn man andere Paare in ihren Themen unterstützen will, dann sollte man schon ganz genau bei sich selbst hinschauen und ja, dass ist nicht immer so angenehm, aber wichtig um zu wachsen.

  • #7

    Bruno (Sonntag, 10 Januar 2021 18:24)

    Deine klaren Worte sind berührend, einfach, verständlich beschrieben und kommen mit so viel Klarheit. Mein grösster Respekt Dieter!
    Auch wenn es nicht immer einfach ist, dies auch im Alltag umzusetzen, sobald es uns Bewusst wird, machen wir den ersten Schritt zur Veränderung!